Predigt

vom 3. Mai 2020

Text: Jesaja 60, 1
Mache dich auf, werde licht! denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn strahlt auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker.

Liebe Gemeinde

Ich weiss - es ist nicht Weihnachten. Der Text tönt adventlich. Aber er passt für mich für heute.
27. April und 11. Mai - ich nehme an, dass diese beiden Daten Ihnen etwas sagen. Viele Menschen haben auf den einen Termin gewartet und viele Menschen warten auf den nächsten. Und dann wäre da noch der 8. Juni. Es sind Termine, die in diesen Zeiten für so etwas wie Hoffnung stehen. Termine, die ein schrittweises Zurückkehren in die Normalität versprechen. Ja, manche sprachen davon, dass diese Daten die grossen Feiertage in diesem Jahr seien (also so etwas wie Weihnachten).
Der 27. April ist vorbei und damit die erste Woche danach. Und ich habe diese Woche voll ausgenützt. Wie Sie vielleicht sehen, ich war beim Coiffeur. Und weil ich diese Woche Ferien habe, hatte ich Zeit, mein künftiges Heim zu renovieren und da war natürlich Baumarkt angesagt, sogar zweimal.
Ich kann aber nicht behaupten, dass das so überbordend festliche Erlebnisse waren. Ja, gewiss, ich konnte endlich den passenden Bodenbelag aussuchen, aber der Weg dorthin zeigte: wir sind noch meilenweit von der Normalität entfernt. Am Boden waren überall Gehwege gekennzeichnet und Pfeile zeigten die Laufrichtung an. Immer wieder wurde ich zum Geisterfahrer oder Geistergänger, weil ich in eine Spur geriet, wo die Pfeile gegen mich zeigten.
Vielleicht bringt ja dann der 11. Mai ein freudigeres Erlebnis. Natürlich, für alle, die endlich wieder mit der Arbeit beginnen dürfen, ist das ein freudiges Ereignis. Für alle, die endlich wieder etwas für ihre Existenz tun können, sind das wichtige Termine.
Trotzdem spüre ich in mir selber, dass ich irgendwie noch eine angezogene Handbremse in mir habe. Es ist nicht ein Gefühl in mir, dass wir es schon geschafft hätten. Niemand weiss, wie sich diese Lockerungsmassnahmen auswirken werden. Ich spüre, eine gewisse Unbeschwertheit will sich im Moment nicht einstellen, weil dieses fiese Ding, dieses Virus einfach da ist.
Und aus kirchlicher Sicht ist mir noch gar nicht zum Feiern zu Mute - mindestens bis 8. Juni dürfen wir noch nicht zum Feiern des Gottesdienstes zusammen kommen. So viele für uns wichtige Feste durften nicht sein. Karfreitag und Ostern sind schon ausgefallen. Auffahrt und Pfingsten werden auch nicht in der Kirche statt finden und die Bezirksfeier fällt auch aus. Und noch ungewiss ist, ob wir im Juni wenigstens die Konfirmation nachholen dürfen.


Das erinnert mich an das Volk Gottes, an Israel. Es erlebte ca. 600 vor Christus eine absolute Katastrophe. Ein grosser Teil der Bevölkerung wurde aus der Heimat getrieben und in Babylon angesiedelt. Fernab von der Heimat, weg von Jerusalem, weit weg der Tempel, das Zentrum des religiösen Lebens war eine neue Zeit angebrochen. Auch damals sehnten sich viele nach dem Tag, wo man wieder zurück in die Heimat durfte, zurück in die Normalität.
Aber gerade die Krisenzeit war eine sehr kreative Zeit. Viele biblische Schriften entstanden gerade da. Und aus dieser Krisenzeit ruft auch der heutige Bibeltext:
Mache dich auf, werde licht! denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn strahlt auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker.
Ich verstehe den Wunsch nur zu sehr, den Wunsch nach der Rückkehr in die Normalität. Ich verstehe, dass ganz viele Menschen genug davon haben, überall auf Distanz sein zu müssen. Irgendwann möchte man doch wenigstens seine Angehörigen und seine Freunde wieder besuchen können. Diese Wünsche sind da und der Verzicht, den wir im Moment aufbringen müssen, tut weh.
Ich fürchte, es wird nicht so schnell möglich sein, in die Zeit vor dem Virus zurück zu kehren. Ich denke, wir werden lernen müssen, mit diesem Virus zu leben. Aber wie die Zeit des Volkes Gottes in Babylon zeigt, können das auch sehr kreative Zeiten sein. Und ich möchte alle dazu ermutigen, diese Chancen nicht zu verpassen. Die Chance, die inneren Reichtümer zu entdecken, jetzt in einer Zeit, wo die Ablenkung von aussen nicht so stark ist.
Mache dich auf, werde licht! denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn strahlt auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker. Ich bin überzeugt, wir können das Virus jetzt schon besiegen. Nicht medizinisch, aber geistig, innerlich. Entdecken wir das Licht in uns, die Kraft, die uns jeden Tag weiterträgt. Entdecken wir das Licht in uns, mit dem wir uns gegenseitig ermutigen können, auch wenn wir noch keinen Weg in die Normalität sehen. Entdecken wir auch die Kraft des Glaubens, die uns neue Hoffnung schenkt. Vertrauen wir darauf, dass wir in der Dunkelheit der Koronakrise innerlich wachsen können für ein neues Leben nach Korona.
Amen.