Predigt

vom 11. Juli 2021

Text: 2. Mose 3
Und als er hinsah, siehe, da brannte der Busch im Feuer, aber der Busch ward nicht verzehrt. 

Liebe Gemeinde

Die Geschichten aus dem Alten Testament hörte ich damals als Kind sehr gerne. Da war immer etwas los und da passierten oft überraschende Dinge. Eine dieser Geschichten, die mir in eindrücklicher Erinnerung geblieben sind, ist eben diese vom Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt.  Ob so etwas der Wirklichkeit entspricht, diese Frage habe ich mir damals nicht gestellt.

Als ich mit meiner Ausbildung zum Pfarrer fertig war, konnte ich mit der Kirchgemeinde, in der ich mein Vikariat machte, nach Israel reisen. Auf dem Programm war ein Ausflug auf den Sinai zum sogenannte Gottesberg. Dort gibt es das St. Katharinenkloster und dort konnte ich einen Ableger des brennenden Dornbusches bestaunen. Es war ein wilder Brombeerstrauch, der auf dem Areal des Klosters wuchs.

Schon rein botanisch hatte ich meine Zweifel. Überlebt ein Ableger eines Brombeerstrauches drei Jahrtausende? Und ist das wirklich ein Ableger des richtigen Dornbusches? Und überhaupt: physikalisch ist das ja gar nicht möglich, dass etwas brennt ohne zu verbrennen. Und Pflanzen vertragen da nicht all zu viel Hitze. Ab 40 Grad wird es für jede Pflanze schnell einmal schwierig, am Leben zu bleiben.

Ja, in der Wüste kann es schon geschehen, dass dürres Gestrüpp in der Gluthitze der Mittagssonne in Brand geraten kann. Aber dann bleibt von diesem Gestrüpp nichts mehr übrig. Trotzdem - das Bild als solches finde ich faszinierend. Dass etwas brennt ohne zu verbrennen. Das Göttliche, das aus diesem Busch kommt, das brennt und nicht verbrennt, das hätte ich manchmal auch gerne.

Jedenfalls verändern diese Flammen, die brennen ohne zu verbrennen, das Leben von Mose nachhaltig. Mose erhält dort einen göttlichen Auftrag. Er soll sein Volk aus der Sklaverei der Ägypter befreien. Er soll sein Volk in eine bessere Zukunft führen. Er soll das Unglück seiner Landsleute beenden.

Das Feuer springt auf Mose über. Er lässt sich von dieser Idee begeistern. Das Feuer Gottes brennt von nun an in Mose und er macht sich daran, den Auftrag Gottes umzusetzen. Ja, er setzt sein ganzes Leben darauf, um seine Landsleute aus dem Unglück zu führen. Wir würden heute sagen: er liess sich von dieser Idee begeistern. Und mit seinem ganzen Engagement führte Mose diesen Auftrag aus. Das Feuer brannte in ihm, bis zu seinem Lebensende.

Weil aber Mose nicht Gott war, verbrannte er am Ende doch. Bevor er ganz an das Ziel seines Auftrages kam, starb er. Aber er starb erfüllt von dieser Lebensaufgabe und sein Herz brannte bis zum Schluss für den göttlichen Auftrag.

Das lässt mich fragen: Für was brennen unsere Herzen? Ja, brennen sie überhaupt für etwas. Für was brennt Ihr Herz? Und was machen Sie für Erfahrungen damit?

Das Herz kann eigentlich für fast alles brennen - leider sogar für den Krieg. Es kann brennen für ein Hobby, für den Beruf, für die Familie, für die Enkelkinder, für ein politisches Anliegen, für die Musik. Die Herzen vieler junger Menschen haben begonnen, für unsere Natur, für die Umwelt zu brennen. Und Herzen können religiös brennen.

Ich kann mir ein Leben nicht vorstellen, das nicht für irgendetwas Feuer in sich trägt. Ein Leben ohne Freuer stelle ich mir langweilig vor. Ich stelle mir auch vor, dass ein Leben ohne Feuer irgendwann sich sinnlos vorkommt.  Ein solches Leben stelle ich mir traurig vor.

Ich frage mich natürlich, ob ich überhaupt genug Feuer in mir gehabt habe, in all meinen Berufsjahren. Jedenfalls wenn ich mir die letzten Jahre vor Augen halte und feststellen muss, wie die Anzahl der Gottesdienstbesucher von Jahr zu Jahr abgenommen habe, dann zweifle ich manchmal schon daran, ob ich genug Feuer in mir habe. Jedenfalls empfinde ich es heute als schwer, das Feuer der christlichen Botschaft erfolgreich weiter zu geben. 

Das sind dann so Momente, wo man für etwas brennt und wo man gleichzeitig in der Gefahr ist, daran zu verbrennen. Dass man in die Gefahr kommt, innerlich auszubrennen. Zum Glück bin ich bis heute nicht ausgebrannt, aber ein bisschen müde bin ich schon geworden.



Jedenfalls kann das allen Menschen passieren, die für etwas brennen. Ich denke, all die jungen Menschen, die sich für die Umweltanliegen eingesetzt haben, haben an der letzten Abstimmung etliche Entmutigung erfahren und vielleicht hatten sie dann auch den Eindruck, ihr Feuer sei nicht übergesprungen. Und man fragt sich, wie man sein Feuer am Brennen erhalten soll. Wie man weitermachen kann, ohne innerlich auszubrennen.

Ausgebrannte Menschen gibt es heute viele. Wir sprechen neuhochdeutsch von Burnout. Damit sind Menschen gemeint, die sich ausgebrannt, leer und kraftlos fühlen. Es sind Zustände, aus denen die Betroffenen meist alleine nicht mehr herauskommen. Sie brauchen Hilfe von aussen. Und ich nehme an, solche Menschen wird es früher auch gegeben haben. Das jedenfalls kann nicht das Ziel vom Feuer in sich sein, dass man ausbrennt. Und ich sehe das Bild vom brennenden Dornbusch vor mir, der brennt und nicht verbrennt.

Feuer gibt warm, Feuer gibt Licht, im Feuer steckt Kraft und Energie. Aber der Umgang mit Feuer braucht Geschick und ist auch gefährlich. Wenn man dem Feuer zu wenig Nahrung gibt, erlischt es. Aber wenn man dem Feuer zu viel Nahrung gibt, wirkt es zerstörerisch. Das gilt auch für das Feuer, von dem ich im Moment spreche.

Gerade wenn es um religiöse Dinge geht, besteht die Gefahr, dass das Feuer plötzlich unkontrolliert vieles in Brand steckt. Ich denke, alle Religionen haben diese Erfahrung schon schmerzhaft machen müssen. Dass das Feuer der göttlichen Botschaft in Fanatismus, Dogmatismus und Rechthaberei umgeschlagen ist. Dass nicht mehr versucht wurde, mit dem religiösen Feuer andere zu entzünden sondern mit Gewalt sozusagen andere in Brand gesetzt wurden, gegen ihren Willen.

Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen einem erloschenen Feuer und einem Feuer, das in Fanatismus gekippt ist. Es braucht manchmal gar nicht viel. Und es spielt dabei keine Rolle, ob es um Religion, um Politik, um ethische Anliegen oder um Umweltfragen geht.

Brennen ohne zu verbrennen - es sieht so aus, als ob  das eine göttliche Sache sei, jedenfalls wenn man diese atl. Geschichte liest. Schliesslich begegnete Mose in diesem Bild Gott selber. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass unsere Zeit mehr Menschen brauchen könnte, die für den Frieden unter den Menschen brennen, für die Gerechtigkeit, für die Menschenliebe, für die Liebe auch zur gesamten Kreatur. Ich denke, unsere Herzen dürften ruhig noch mehr brennen für das Anliegen, das Jesus unter uns Menschen gebracht hat. Brennen für die Mitmenschlichkeit, für die Menschenachtung, für die Nächstenliebe.

Vielleicht brennen ja da und dort so seltsame Feuer, wie es im brennenden Dornbusch geschildert wird und wir sehen diese Feuer einfach zu wenig. Ich jedenfalls wünsche unserer Zeit mehr brennende Herzen, die die Menschenliebe Gottes weitergeben wollen. Ich wünsche uns allen, dass bis zum letzten Tag Feuer in uns brennt, das uns lebendig bleiben lässt, ohne dass wir daran verbrennen.


Amen.